Schuhwerk für die Ewigkeit von Klemann Shoes

Ein Schuh namens Carsten

Familie Klemann fertigt Schuhwerk fürs Leben. Während der Vater die „Oxfords“ schleift, entwerfen die Söhne lieber Sneaker und Sportschuhe. Das Ziel ist höchste Qualität – und die kostet ab 1000 Euro aufwärts.

Autor

Nicoline Haas

Nicoline Haas ist freie Journalistin und schreibt gerne über nachhaltige Projekte und feines traditionelles Handwerk

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Fotos: Roeler

Im Schaufenster der Poolstraße 9 wird geschnitzt und gehämmert, gezwickt und genäht. Die schmale, abgenutzte Werkbank am Fenster ist Vincent Klemanns Stammplatz. Hinter ihm werkelt sein älterer Bruder Lennert. Ab und an bleiben Passanten stehen. „Die neugierigen Blicke nehme ich kaum noch wahr. Es macht mir nichts aus, auf dem Präsentierteller zu sitzen“, sagt Vincent. Er ist 30, verschmitztes Lächeln, Fältchen um die Augen. Gerade bepinselt er die Sohlen eines „Plain Oxford“ mit schwarzer Wachsfarbe. Der schlichte, geschlossene Schnürschuh ist ein Klassikern für den Herrn.

Er gehörte schon zum Repertoire des Vaters und Firmengründers Benjamin Klemann, der sich 1986 selbstständig machte. In London arbeitete er freischaffend für George Cleverly und den britischen Hoflieferanten John Lobb, entwarf auch verspieltere Modelle mit offener Flügelkappe, geschwungenen Ziernähten und Stanzlöchern, wie den „Budapest“ oder den „Westminster“. Seine Frau Magrit machte in dieser Zeit ebenfalls ihren Meister, später und längst zurück in Deutschland folgten beide Söhne. So erwuchs aus der Ein-Mann-Manufaktur ein kleines Familienunternehmen.

  • Egal ob Turn- oder Schnürschuh: „Die Qualität der Materialien ist gleich, auch der Aufwand: rund 300 Arbeitsschritte in 30-40 Stunden“, erklärt Lennert.

  • Auf Mallorca hat sich Vincent mal in zwei Schuhfabriken umgeschaut: „Da könnte ich nicht arbeiten! Es war laut, voll, stickig – und von der Qualität der Verarbeitung will ich lieber gar nicht reden.“

  • Die Söhne sind am Ende für den körperlich anstrengenden Aufbau der Schuhe zuständig.

  • Im Familienunternehmen beherrscht zwar jeder alles, doch in der Regel entstehen die Schuhe arbeitsteilig.

  • Jeder Schuh wird exakt auf den Fuß des Käufers (und Trägers) angepasst.

  • In der Werkstatt lagern in raumhohen Regalen über 1.300 Leistenpaare, jedes mit Namen beschriftet.

  • „Wir machen keine Schickimicki-Schuhe“, betont Lennert. „Nur Kenner sehen, dass es sich um Maßschuhe handelt. Die meisten unserer Kunden setzen – wie wir – auf Understatement.“

  • Nachhaltige Begleiter: "Bei guter Pflege können unsere Schuhe uralt werden, und man kann sie immer wieder reparieren", sagt Vincent.

  • Der Vater von Vincent und Lennert, Firmengründer Benjamin Klemann, machte sich 1986 selbstständig.

Faible für Sportschuhe

Die Söhne entwickelten früh ihre eigene Handschrift und brachten mit sportlichen Designs frischen Wind in die Werkstatt. Vincent entwarf zum Beispiel Freizeitschuhe mit weißer Gummi-Cupsohle und Details wie einer seitlichen Schnürung. Lennert hat ein Faible für Retro-Sportschuhe: Ein zierliches, karamellbraunes Paar von ihm könnte aus den 1930ern stammen. Sein neuestes Sneaker-Modell taufte er „Carsten“, nach dem ersten Käufer, der dafür fast so viel hinblättern musste wie für ein Paar kalbslederne Klassiker: 1.800 Euro. „Die Qualität der Materialien ist gleich, auch der Aufwand: rund 300 Arbeitsschritte in 30-40 Stunden“, erklärt Lennert. Zwischen seinen Knien klemmt der linke „Carsten“ im Holzleisten, der den Kundenfuß als Modell ersetzt. Mit einem Messer beschneidet er die Brandsohle, das Herzstück des Schuhs, an der Lederschaft und Rahmen befestigt sind. Den Schaft dekorierte er mit schrägen Seitenstreifen und einer Applikation an der Hinterkappe, die entfernt an den „Superstar“ von Adidas Originals erinnern. Er hat sich auch schon Rennradschuhe selbst gebaut, mit Karbonsohle und „Boa“-Verschluss aus Drehknauf und Stahlseil. In seiner Freizeit trainiert er für Amateurrennen, während Vincent Hip-Hop-Platten produziert und in Hamburger Clubs wie dem „Hafenklang“ oder „Turmzimmer“ auflegt.

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Die schmale, abgenutzte Werkbank am Fenster ist Vincents Stammplatz.

Begleiter fürs Leben

Auch eine Art von Handwerk, findet Vincent, so wie sein zweites Hobby: Kochen. Seine Freundin verköstigt der Schuhmacher zuhause mit Gemüseallerlei. Sie isst vegan und lehnt daher auch Ledersachen grundsätzlich ab – außer: Schuhe, Taschen und Co. vom Flohmarkt. Ein ständiger Streitpunkt? „Nicht mehr“, verneint Vincent schmunzelnd. „Sie sieht auch ein, dass unser Gewerbe sehr nachhaltig ist. Bei guter Pflege können unsere Schuhe uralt werden, und man kann sie immer wieder reparieren. Ein Problem ist billige industrielle Massenware – Schuhe, die nach ein, zwei Jahren im Müll landen, weil sie ,out‘ oder völlig hinüber sind.“ Auf Mallorca hat sich Vincent mal in zwei Schuhfabriken umgeschaut: „Da könnte ich nicht arbeiten! Es war laut, voll, stickig – und von der Qualität der Verarbeitung will ich lieber gar nicht reden.“

Im Familienunternehmen beherrscht zwar jeder alles, doch in der Regel entstehen die Schuhe arbeitsteilig: Vater Klemann konzentriert sich auf den Leistenbau – die Basis für passgenaues Schuhwerk und alle weiteren Arbeitsschritte. Nach präziser Vermessung bildet er die Füße der Kunden aus Buchenholz nach. In der Werkstatt lagern in raumhohen Regalen mittlerweile über 1.300 Leistenpaare, jedes mit Namen beschriftet. Mutter Magrit näht mit einer Schneider-Kollegin die Schäfte, die Söhne sind am Ende für den körperlich anstrengenden Aufbau der Schuhe zuständig.

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Lennert hat eine Wohnung in der selben Straße - nur einige Meter von der Werkstatt entfernt.

Anregende Nachbarn in der Neustadt

Mit den Werkbänken und Holzmodellen wirkt der Laden in der Poolstraße wie aus einer anderen Zeit. Dabei zogen die Klemanns erst 2007 in die Poolstraße im Zentrum Hamburgs. Davor lebten und arbeiteten sie 17 Jahre in einem Fachwerkhaus auf Gut Basthorst im Herzogtum-Lauenburg.

Von der Stadt überzeugte sie die Nähe zu Hafen und Alster und die vielfältige Gastro-Szene – etwa die Salatbar „Felds“ und die Bistros „Ahoi Marie Bootshaus“ und „Le golden Igel“. Besonders aber inspiriert sie die Nachbarschaft aus etlichen weiteren Kreativen und Handwerkern: In der Wexstraße zum Beispiel sitzt das Modeatelier „Freier Fall“, am Pilatuspool die Goldschmiede Bergmann und am Valentinskamp der Geigenbauer Winterling. Richtig rustikal geht es gleich nebenan zu: Im Hinterhof der Poolstraße 12 werden zwischen den Ruinen einer im Krieg zerstörten Synagoge Autos repariert („Auto Stern“), in der Schmiedewerkstatt Lehmann schlagen muskelbepackte Männer auf glühende Eisen und stellen Zäune und Tore her.

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Eine eigene Werkstatt kommt für uns nicht in Frage. Da würden wir uns ja gegenseitig Konkurrenz machen!

Vincent Klemann

Lennert hat heute eine Wohnung in der selben Straße, Vincent lebt im Schanzenviertel. Auch die Eltern Klemann lebten bis vor kurzem in der Poolstraße – die Neustadt sei ja fast „wie ein Dorf in der Großstadt“. Allerdings fehle ihnen die Natur drumherum. Daher beschlossen sie kürzlich, ihren Feierabend wieder im echten Dorf zu verbringen: Es geht zurück nach Basthorst. Für spontane Übernachtungen wollen sie sich im Büro ein Doppelstockbett einbauen.

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Vincent und Lennert entwickelten früh ihre eigene Handschrift und brachten mit sportlichen Designs frischen Wind in die Werkstatt.

Bodenständige Familie

Frage an die Brüder: Wie funktioniert das eigentlich, mit den Eltern täglich auf engem Raum zusammenzuarbeiten? Beide müssen grinsen. Lennert: „Erstens kennen wir es nicht anders. Zweitens sind wir alle ganz schön eng miteinander verknüpft – nicht normal, was?“ Vincent ergänzt: „Eine eigene Werkstatt kommt für uns nicht in Frage. Da würden wir uns ja gegenseitig Konkurrenz machen!“ Vielleicht harmoniert die Familie auch so gut, weil alle vier bodenständige Persönlichkeiten sind. Handwerker halt, ohne Künstlerallüren. Weder internationale Bekanntheit, noch die betuchte und prominente Kundschaft haben die Klemanns abheben lassen. „Wir machen ja auch keine Schickimicki-Schuhe“, betont Lennert. „Nur Kenner sehen, dass es sich um Maßschuhe handelt. Die meisten unserer Kunden setzen – wie wir – auf Understatement. Sie wollen nur das Beste für ihre Füße.“

Weitere Orte

Metallschmiede Lehmann

Poolstraße 12
20355 Hamburg
http://www.dieter-lehmann.de/

Geigenbau Winterling

Valentinskamp 34
20355 Hamburg
http://www.geigenbau-winterling.de/

Autowerkstatt „Auto Stern“

Poolstraße 12
20355 Hamburg
http://auto-stern-hamburg.de/

Modeatelier „Freier Fall“

Wexstraße 35
20355 Hamburg
http://www.atelier-freierfall.de/