Next Generation Poetry Slam

Hausbesuch bei der „Slamily“

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Als Poetry Slam in Hamburg noch klein und wild war, war Autorin und Journalistin Kathrin Weßling mittendrin. Nach einigen Jahren Abstinenz hat sie sich für hamburg ahoi mit einem getroffen, der gerade für die Slam-Kultur brennt: Hinnerk Köhn, Moderator, Poetry Slammer und Azubi beim Kampf der Künste. Ein Gespräch über eine Szene, die aus Nischenveranstaltungen ein kulturelles Phänomen gemacht hat.

Autor

Kathrin Weßling

Kathrin Weßling ist freie Journalistin und Autorin. Sie arbeitet für SPIEGEL ONLINE, Neon, Brigitte uva.

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Hinnerk Köhn, so heißt der junge Mann, der an einem verregneten Morgen vor mir sitzt. „Vor mir“, das heißt in einem großen Konferenzraum am Lattenplatz, am Rand des schmucken Karolinenviertel und in Sichtweite des Millerntor-Stadions, in dem der FC St. Pauli spielt. Zwischen uns der Kaffee, den Hinnerk uns literweise gekocht hat, und eine Geschichte, seine Geschichte, die viel größer ist als eine über Hinnerk, weil sie auch eine über den Poetry Slam in Deutschland ist, über den Wandel einer ganzen Institution und eine über das Erwachsenwerden.

Poetry Slam wächst – aber ist das ein Problem?

Hinnerk, 23, ist ganz viel: Er ist Moderator und Poetry Slammer, er ist Azubi bei einem Giganten der Szene – Kampf der Künste – der 2005 gegründet wurde und seitdem zum größten Poetry-Slam-Veranstalter Hamburgs gewachsen ist, mit 50.000 Besuchern pro Saison, Gastspielen in Clubs, Theatern und auf der Trabrennbahn. Einst war Poetry Slam das Schmuddelkind der Bühnenshows, der geheime Treffpunkt für Nerds, deren Leidenschaft nicht Zahlen sondern Buchstaben und Metren sind. Mittlerweile füllt das Format Hallen und Stadien, Theatersäle und Clubs. Spätestens, nachdem Fernsehmoderator Jan Böhmermann den Slam in seiner Show persiflierte, weiß man: Poetry Slam ist keine Nische mehr, Poetry Slam ist Masse geworden. Aber: Ist das schlecht?

Hinnerk lacht nur, als ich ihn genau das frage. Er gehört zur zweiten Generation Poetry Slam in Hamburg, und er ist einer, den man gleich mag: Ein Junge mit verwuschelten Haaren und großer Brille, einem freundlichen Lächeln und einem Lebenslauf, der nicht typisch für sein Alter, aber beispielhaft für die Szene ist. Nach dem Abitur Kulturwissenschaften in Hildesheim, ein dreiviertel Jahr hat er ausgehalten, dann zog es ihn zurück gen norddeutsche Heimat. Nach Kiel, nicht in seinen Geburtsort Eckernförde, aber das macht dann auch keinen Unterschied mehr.

Und es scheint nicht die schlechteste Entscheidung gewesen zu sein: mit 19 wurde Hinnerk Vize-Meister im deutschlandweit größten Poetry Slam für unter-20-Jährige. Für viele der Start in eine Karriere als Bühnenautor. Für Hinnerk nicht, zumindest nicht nur, der hatte nämlich andere Pläne. Und genau deshalb sitzen wir heute voreinander. Denn wenn etwas Mainstream wird, muss es Menschen geben, die aus den kleinen Veranstaltungen in namenlosen Clubs die großen Dinger machen, zu denen tausende Besucher strömen. Und Hinnerk ist einer von ihnen.

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Kampf der Künste startete 2005 in Hamburg. Zehn Jahre später ist KdK der größte Poetry-Slam-Veranstalter Deutschlands.

Poetry Slam war nie nur Format – sondern immer auch Netzwerk und Familie

„Poetry Slam ist schon eine Art Familie. Den Begriff 'Slamily' mag ich deshalb. Es gibt den einen Onkel, den man hasst, aber dafür auch Brüder und Schwestern und einen großen Zusammenhalt“, beschreibt Hinnerk die Szene, die sich nie nur als Format, sondern auch immer als Netzwerk und Familie begriffen hat. Und sie hat einiges mitgemacht, diese Familie. Ganz klein hat sie angefangen in Bars, Kellerclubs und auf kleinen Bühnen, wurde schnell immer größer und berühmter, brachte Stars hervor, gefeierte Autorinnen und Autoren, Comedians, Moderatoren und Kabarettisten, überstand die Häme des Feuilletons und ist heute viel mehr als bloßes Vortragen von Texten.

Heute gibt es Nachwuchsförderung und Austausch, Rückhalt und nun ja – auch Geld. Ein Thema, das schon vor vielen Jahren für Streitigkeiten sorgte. Natürlich ging es nur um‘s Mitmachen und nicht nur um den Sieg. Aber zu meiner Zeit ging es plötzlich auch um Preisgelder. Der Kampf der Künste ist dieser Entwicklung mit seiner eigenen zuvorgekommen: Indem Autorinnen und Autoren selbst zu Veranstaltern wurden, können Slammer wie Hinnerk der Szene treu bleiben, indem sie auch hinter den Kulissen ein Teil von ihr werden. Slammer kommen und gehen – die Veranstalter bleiben.

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2015 stellte Kampf der Künste einen Slam-Weltrekord auf: Zur Show auf der Hamburger Trabrennbahn kamen über 5.000 Zuschauer.

Witzig oder nicht, das ist hier die Frage

„Warum finden Poetry Slam eigentlich auch so viele so scheiße?“ frage ich Hinnerk am Ende unseres Gesprächs. „Liegt es daran, dass alle denken, man muss immer witzig sein? Paralympics der Literatur, wie die Slammerin Hazel Brugger gesagt hat?“ Hinnerk lacht – die Kritik, Poetry Slam sei nur noch Entertainment, die kennt er natürlich. „Ich schreibe die ernsten Texte noch, aber ich veröffentliche sie nicht. Ich will das nicht mit Leuten teilen, ich möchte das für mich behalten.“ Ich bin skeptisch. Es geht doch auch darum, die Stille zu ertragen, oder nicht? Sich umgewöhnen zu müssen, wenn ein Saal plötzlich nicht mehr in Jubelstürme ausbricht, ständig laut lacht und der Zwischenapplaus einem sagt, dass gerade alles ganz okay läuft? Hinnerk schüttelt den Kopf. „Natürlich ist es ein komisches Gefühl, wenn es still ist. Aber noch schlimmer ist doch, wenn man einen witzig gemeinten Text vorträgt und keiner lacht. Das Risiko ist doch auch immer da.“

Wir sprechen noch eine Weile über das massive Wachstum von Poetry Slam in den letzten Jahren. Und darüber, ob der Hype geholfen oder geschadet hat („Geholfen!“ sagt Hinnerk). Und immer mehr wird mir klar, dass hier ein junger Mann sitzt, der symbolisch für etwas steht, das Häme und feuilletonistische Arroganz entspannt ignorieren kann, weil es so viel mehr als das ist, was ein Außenstehender in zehn Minuten Text verreißen kann. Hinnerk ist Teil einer Szene, die erwachsen geworden ist. Mit dem Hype kam eine gewisse Rationalität, mit der Masse auch die Struktur. „Es gibt Menschen Selbstbewusstsein“, sagt Hinnerk als ich ihn frage, ob er jemandem raten würde, sich auf eine Bühne zu stellen.

Und fasst damit zusammen, was dem Slam keiner mehr nehmen kann: Hier findet man Menschen, die sich trauen. Die sich mit ihren eigenen Texten auf eine Bühne stellen, mal vor 100, mal vor 1000 Menschen und ihre Geschichten vortragen. Die Misserfolge ertragen und Erfolge gemeinsam feiern. Sicherlich entwickelt sich Poetry Slam und nicht jeder ist damit glücklich. Aber dafür sind ja Menschen wie Hinnerk und viele andere junge Nachwuchstalente da. Sie hinterfragen, sie kritisieren (auch sich selbst), sie veranstalten Formate, die viele Millionen Menschen begeistern. Und das nicht mit inhaltslosem Gewäsch und TV-Trash, sondern mit Literatur, mit Worten und Geschichten und Metren und Gedichten. Dank Menschen wie Hinnerk, Dank einer Szene, die sich dem Wort verschrieben hat, Dank des Selbstbewusstseins der „Slamily“.

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