Stapelweise gedruckte Liebe

Im Blätterwald bei Gudberg Nerger

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Jan Müller-Wiefel sind Online-Medien zu schnelllebig, er bevorzugt duftende Tinte, offenes Papier, veredelte Rücken, In der Neustadt präsentiert er deshalb einige der besten Magazine der Welt - und jede Menge gute Geschichten.

Autor

Anika Meier

Anika schreibt über Kunst und soziale Medien und für alle, die Texte über irgendwas mit Büchern, Fotografie, Kunst und Instagram brauchen.

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Fotos: Roeler

Als andere Jungs sich tagein tagaus nassgeschwitzt auf dem Bolzplatz dem Traum näher kickten, der nächste Lothar Matthäus zu werden, brachte er sein erstes Magazin heraus. „Mein Leben dreht sich seither um Magazine“, sagt Jan Müller-Wiefel und sinkt mit einer Tasse heißem Kaffee in der Hand in sein schwarzes Ledersofa.

In den 90ern, Kurt Cobain grölte ins Mikro und drosch seine Gitarre in die Verstärkerboxen, hatte nicht jeder Teenie mindestens drei Tumblr, ein eigenes Blog, die Nase voll von Facebook und noch nicht genug von WhatsApp und Snapchat. Wenn man Altersgenossen und Gleichgesinnte mit Lesestoff versorgen wollte, holte man Schere und Kleber aus der Schublade und schnippelte, klebte und kopierte drauflos. „Fußball und Punk-Rock waren damals beliebte Themen von Fanzines“, erzählt Jan. Seines hieß „PiPa Millerntor“, Inhalt war natürlich der Hamburger Verein seines Herzens, der FC St. Pauli. Irgendwann lief es so gut, dass er mit ein paar Freunden um das Stadion herum stand und 1.500 Fanzines verkaufte. 1998 war Schluss mit „PiPa“, aber nicht mit den Magazinen.

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Gudberg Nerger ist Magazinladen, Galerie und Designagentur.

Heute führt Jan zusammen mit Jürgen Nerger am Großneumarkt einen Laden für Independent Magazines, der ein Element des Think Tank Gudberg Nerger ist. Der Laden: Klein, nicht zu klein, aber umso feiner. Mit schicken Regalen ausgestattet, zwischen denen Magazinliebhaber und alle, die spätestens hier auf den Geschmack kommen, bei Bedarf stundenlang stehen, hin- und herlaufen und ein Magazin nach dem anderen durchblättern können.

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Als Jugendlicher brachte Jan sein erstes Fanzine heraus. „Mein Leben dreht sich seither um Magazine“, sagt er.

Inzwischen dreht sich in Heften alles um Design, das gute, schöne und richtige Leben und um den Genuss von Craft Beer, um handgebrühten Kaffee und Craft Meat. Egal wie viele reichweitenstarke und white-cubige Blogs die Weiten des Internets hervorbringen, die gedruckten Magazine sind nicht klein zu kriegen. Denn sie versprühen mit ihrer Haptik einen Charme, den man bei einer Tasse Filterkaffee und einem Stück New York Cheesecake in beiden Händen halten und in aller Ruhe und mit viel Gemütlichkeit auf sich wirken lassen kann. Blogs seien schnell, verkehrt sei das keineswegs, aber alles verschwinde eben genauso schnell wieder, wirft Jan ein und blättert kurz gedankenverloren in einer Ausgabe von MC1R, dem „Magazin für Rothaarige“ aus Hamburg. „Independent-Magazine bestechen im Bestfall mit einem in sich abgeschlossenen Thema, mit sorgsam kuratiertem Content und mit schöner Gestaltung“, sagt Jan.

Jan empfiehlt diese Magazine aus Hamburg:

Seit Mai 2015 ist an Gudberg Nerger eine Galerie für junge Fotografie aus Deutschland angedockt. Die Galerie und ihre beiden Gründer sind aber eigentlich offen und bereit für alles, was mit Kunst, Design und Magazinmacherei zu tun hat. Jan nimmt den letzten warmen Schluck Kaffee aus seiner Tasse, während sein Blick vorbei an den Galeriewänden mit Fotos von den unendlichen Weiten der amerikanischen Landschaft auf die Poolstraße wandert. „Am Großneumarkt hat sich in den letzten Jahren viel verändert“, erzählt er, „zum Guten.“ Viele kleine Läden haben ihre Türen geöffnet, es duftet draußen leicht nach Kaffee, die Gäste des Coffee-Shops schräg gegenüber sitzen lachend an der Straße. Die Lage von Gudberg Nerger? „Optimal!“ Jan kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Von hier aus sei er schnell überall zu Fuß, am Jungfernstieg, im Park Planten un Blomen und dem Millerntor Stadion auf St. Pauli.