Auf der Elbe das Fernweh bekämpfen

Hafenrunde mit Schipperin Malina Schilling

Der Frühling kommt, das Wasser ruft! Wem die wenigen Kilometer von Hamburg bis zur Nord- und Ostsee zu weit sind, der vergnügt sich auf den Wasserstraßen der Hansestadt. Lena Frommeyer ist über die Landungsbrücken flaniert und bei Hafenschipperin Malina Schilling zugestiegen – die auch ihr eigenes Fernweh mit Rundfahrten auf der Elbe lindert.

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Lena Frommeyer

Lena Frommeyer ist Journalistin, die in gesellschaftlichen Nischen nach Themen sucht und sich in der Kulturlandschaft herumtreibt.

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Fotos: Claudius Schulze

Im Ruderhaus der Barkasse „Hansen Sien“ hat sich Malina Schilling auf einem Kissen zurückgelehnt, das große Steuerrad hält sie mit den Füßen auf Kurs. Im Hintergrund hört man Stimmen aus dem Bordfunkgerät und das Gurgeln des Motors. Malina bläst Rauch aus dem geöffneten Schiebefenster, in der einen Hand hält sie eine Zigarette, in der anderen ein Mikrofon. „Moin zusammen, willkommen auf meiner Barkasse, bei bestem Hamburger Schmuddelwetter“, so hat die 23-Jährige gerade ihre Gäste zur großen Hafenrundfahrt begrüßt.

Malina Schilling ist Schipperin. Sie steuert eine der rot-schwarz-weißen Barkassen der Seehafenspedition Hermann Hansen. Im Sommer ist sie fast rund um die Uhr auf dem Wasser und zeigt Hamburgern und Gästen die Highlights des Hafens: die endlosen Backsteinfassaden in der Speicherstadt, schwimmende Tankstellen und große Containerschiffe an den Terminals. Eine Stunde dauert eine normale Tour – aber was an einem Arbeitstag passiert, weiß Malina trotzdem vorher nie. Ist ein Junggesellenabschied an Bord? Chartert jemand die Barkasse für einen Heiratsantrag? Oder fährt sie für eine Stripteasetour auf Wasser? Malina war bei allem dabei.

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Malinas Arbeitsplatz: Das Ruderhaus der "Hansen Sien".

„Ich hatte Fernweh, ohne aus Hamburg wegzuwollen“

Morgens tummeln sich schon die Besucher an den Landungsbrücken. Von hier starten die kleinen, flachen Bötchen, die Entdeckungstouren auf der Elbe in gemütlicher Atmosphäre anbieten. Malinas liegt an der „Brücke 7“ direkt hinter dem Eingang zum Alten Elbtunnel, der heute vor allem noch neugierige Fußgänger auf die andere Seite des Flusses führt. „Das läuft hier wie am Taxistand. Wenn unsere Barkasse voll ist, kommt das nächste Unternehmen dran“, erklärt sie. Aber erstmal muss Malina die Besucher auf ihre Tour aufmerksam machen – und das funktioniert vor allem mit Lautstärke: „Jetzt hier große Hafenrundfahrt“, ruft sie und zieht dabei die „A“s besonders lang.

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Seit dem Abitur arbeitet Malina auf dem Wasser, ein Bürojob kam nicht in Frage.

Neben Malina hört man am Kai eher Männerstimmen – ein Überbleibsel aus der Tradition der Hafenarbeit. „Früher sind die Frauen den Arbeitern höchstens in die Kneipe gefolgt, um das Geld abzuholen“, sagt Malina und lacht. Man muss Sprüche klopfen können, um im Hafen zurechtzukommen. „Aber ich war schon immer forsch.“ Außerdem ist die Arbeit anstrengend. Einige Barkassen haben mittlerweile eine hydraulische Unterstützung – aber nicht Malinas. Sie muss kräftig kurbeln, um das Schiff auf Kurs zu bringen. „Im Sommer sieht man, dass mein rechter Arm muskulöser ist als mein linker.“

Man muss Sprüche klopfen können, um im Hafen zurechtzukommen. „Aber ich war schon immer forsch.“

Vor Malina ist niemand aus ihrer Familie zur See gefahren – und trotzdem fühlt sich die gebürtige Hamburgerin mit dem Wasser verbunden. „Ich hatte eine Zeit lang Fernweh, ohne aus Hamburg wegzuwollen. Im Hafen zu arbeiten, lindert das sehr“, sagt sie. „Das Wasser könnte schließlich überall sein.“ Als sie ihr Abitur machte, war ihr damaliger Freund Schiffsführer. Schnell war ihr klar, dass ein Bürojob für sie nicht in Frage kam und sie ebenfalls aufs Wasser wollte. Sie machte eine Ausbildung in dem Unternehmen, für das sie heute noch arbeitet.

Das Trinkgeld kann sich sehen lassen

Die Hafenkontakte zahlen sich aus: „Für mich war es ein echtes Highlight, mit der Cap San Diego nach Hamburg reinzufahren. Wir kennen die Crew und sind als Arbeitskollegen einmal mit an Bord gewesen. Das war ein großartiges Gefühl.“ Neben den Rundfahrten ist Malina auch im Hafendienst tätig. „Viele Seeschiffe dürfen keine Landverbindung haben, beispielsweise Tanker. Die brauchen trotzdem Waren an Bord“, erklärt sie. „Wir beliefern sie mit unserer Schlepperbarkasse und einer Schute von der Wasserseite aus und bringen Proviant und Material, von der Schweinehälfte bis zum Ersatzteil.“

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Kurze Pause. Sonst muss Malina kräftig kurbeln, um das Schiff auf Kurs zu bringen - ihre Barkasse hat keine hydraulische Unterstützung.

Für Malina sind diese Touren auch eine willkommene Abwechslung zu den Rundfahrten. Heute hat sie eine Familie und eine große Männergruppe an Bord. Es geht am gewaltigen Trockendock der Schiffswerft Blohm und Voss vorbei in Richtung Elbphilharmonie und HafenCity, dann weiter zum Kreuzfahrtterminal Steinwerder. Malina spricht unentwegt ins Mikrofon, am besten kommen kleine Anekdoten an – beispielsweise, dass die Damen früher ihren Seemännern an der Kehrwiederspitze auf Wiedersehen gesagt haben. Am Ende der Fahrt geht ihre Schippermütze rum. Im Sommer ist das Trinkgeld manchmal so gut, dass sie alleine davon leben kann.

Mehr Infos zu Barkassenfahrten im Hamburger Hafen findest du hier
www.hamburg.de/hafenrundfahrt