Ein Herz für Hafenholz

Nachhaltige Designmöbel aus Hamburg

Wenn Lasse Bagdahn „Rohstoff“ sagt, dann meint er ausrangierte Schiffsanleger, dicke Bohlen und manchmal auch die Überbleibsel einer alten Scheune. Restholz hat es ihm angetan, vor allem wenn es aus dem Hamburger Hafen stammt. Der Tischler veredelt die Fundstücke zu hochwertigen Esstischen, Sitzbänken oder Bilderrahmen – und jedes Stück erzählt eine Geschichte. Unsere Autorin Lena Frommeyer hat ihn in der Werkstatt seines Möbel-Labels Hafenholz besucht.

Autor

Lena Frommeyer

Lena Frommeyer ist Journalistin, die in gesellschaftlichen Nischen nach Themen sucht und sich in der Kulturlandschaft herumtreibt.

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Fotos: Claudius Schulze

Es ist nicht leicht, Lasse Bagdahns Werkstatt zu finden. Im angesagten West-Hamburger Stadtteil Ottensen führt eine kleine Seitenstraße in einen verwinkelten Industriehof. Handwerker, Designer und Agenturen haben sich in den alten Hallen niedergelassen. Wer den Innenhof betritt, steht nach wenigen Schritten vor einem Vorhang aus schweren Gummilamellen. Dahinter werkelt der 35-jährige Hamburger mit seinem Partner Per Völkel an Tischen, Fahrradwandhalterungen und Bilderrahmen – die meisten aus Hölzern, die eigentlich mal etwas Anderes waren. Ihre Idee: Wer hier Möbel kauft, nimmt ein Stück Geschichte mit nach Hause.

Die Geschichte des Möbel-Labels Hafenholz beginnt mit Bilderrahmen. Lasse und Per lernten sich auf der Holztechnikerschule in Hamburg kennen, machten im Anschluss gemeinsam den Tischlermeister. 2010 besuchte das Duo ein Sägewerk, das importierte Hölzer im Hamburger Hafen aufbereitet. Dabei fielen Baumkanten an, die nicht weiter genutzt wurden. Sie nahmen das Material und fertigten daraus individuelle Bilderrahmen – das erste Hafenholz-Produkt ging in den Verkauf.

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Upcycling: Aus altem Hafenholz werden Bilderrahmen.

Informanten verraten dem Tischler neue Holzquellen

Seitdem kommen laufend neue Holzquellen hinzu, um einige Holzarten gibt mittlerweile schon einen regelrechten Wettbewerb, wie Lasse erzählt. Im hinteren Teil der Werkstatt stapeln sich grob zugeschnittene Balken bis an die Decke. Lasse steigt auf eine Leiter und hebt einen davon herunter. „Der gehörte mal zu einem Dalben“, erklärt er. „Das sind breite Pfähle, an denen Schiffe im Hafen festmachen.“ Man kann noch gut erkennen, welcher Teil des Holzes aus dem Wasser ragte: Auf dem verwitterten Kopf ruhten sich früher die Möwen aus, nachdem sie in der Elbe nach Fischen und Krebsen jagten. Jahrzehntelang steckte der Dalben im schlickigen Hafenboden, bis er mit schwerem Gerät gezogen wurde. Statt auf der Mülldeponie landete er in Lasses Tischlerei.

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Überall altes Holz: Lasses Werkstatt befindet sich in einem alten Industriehof im Stadtteil Ottensen. Seine Nachbarn sind Designbüros und Agenturen.

Das zugeschnittene Holz muss dann drei Jahre lang trocknen, bis Lasse es verarbeiten kann. Gut, dass er kein ungeduldiger Typ ist – eher nordisch entspannt. Der Tischler wuchs in Hamburg auf, besuchte hier die Waldorfschule und ist Mitglied eines Segelvereins. Durch den Wassersport lernte er viele Menschen kennen, die in norddeutschen Häfen arbeiten und ihn jetzt mit Holz-Tipps versorgen. „Ein Taucher aus Lübeck ruft uns an, sobald Dalben gezogen werden“, sagt Lasse. Ein anderer Informant arbeitet als Ingenieur für die Hamburger Hafenbehörde. „Der kann wilde Geschichten darüber erzählen, wie er vor 20 Jahren alte Dalben am Zoll vorbeigeschleust hat, um selbst daraus etwas zu bauen. Heute ist das alles nicht mehr dramatisch.“

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Lasse und Lotta.

Lasse legt den Balken auf seine Kreissäge. Einen Tisch hat er bereits aus dem Dalbenholz gebaut: Über zwei Meter lang und mit verwitterten Kanten, die seine Geschichte erzählen. Nun arbeitet er an einem Folgeauftrag. Unter der Maschine schläft seelenruhig Hündin Lotta. „Sie ist hier auch für die Holzzerkleinerung zuständig“, sagt er und wirft ihr ein Stückchen Holz zu, auf dem sie sofort begeistert herumkaut. Mit Lotta ist er auch gerne an der Elbe unterwegs. Am liebsten im beschaulichen Stadtteil Övelgönne, der für seine vielen Treppen und die Kapitänshäuser am Elbstrand bekannt ist. Hier buddeln dann sein zweijähriger Sohn und die Hündin um die Wette – mit Blick auf große Containerschiffe. Ein paar Dalben sieht man auch von hier, am benachbarten Museumshafen Övelgönne. Vielleicht landet ja der ein oder andere irgendwann auf Lasses Werkbank.

Mehr Infos über Lasses Möbel findet ihr unter
www.hafenholz.de

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