Santa Fu – Geschenke aus dem Gefängnis

Hamburgs kreative Zelle

Santa Fu Titel

Vier senkrecht, einer quer – mit dieser Strichfolge werden in den Gefängnissen der Welt die abgesessenen Haft-Tage dokumentiert. In Hamburg kennt man sie als Logo einer ungewöhnlichen Marke: „Santa Fu – Heiße Ware aus dem Knast“. Hochwertige Geschenkartikel, gefertigt von Insassen des Strafvollzugs. Unsere Autorin Anne Kleinfeld hat einen Blick hinter die Gefängnismauern gewagt.

Autor

Anne Kleinfeld

Anne mag Sachen mit Witz, Musik und Liebe und ist von menschlichen Eigenarten fasziniert. Am besten schreibt sie spät abends mit einer sonderbaren Katze auf dem Schoß.

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Fotos: Roeler

Wie viele Tage noch? In der Zelle ist es kalt. Zwischen unerbittlichen Mauern steht eine Metallpritsche mit dünnen Laken, die blanke Kloschüssel zeugt von jahrelanger Benutzung durch richtig harte Jungs. Der Gefangene kratzt mit verbissener Miene und bloßen Nägeln einen Strich in die feuchte Backsteinwand – viermal senkrecht einmal quer, in Fünferschritten Richtung Freiheit. Eine Szene, wie wir alle sie aus Filmen kennen, aus Serien, die die urmenschliche Faszination für das Böse bedienen. Eine Szene, die auch in meinem Kopf herumspukte, bis ich zum ersten Mal ein Gefängnis betrat. Um festzustellen, dass all das mit echtem, modernem Strafvollzug so ziemlich gar nichts gemein hat. Bis auf eins: die Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Knast.

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Mit dem Kochbuch fing alles an: Gefängnisleiterin Angela Biermann zeigt „Huhn in Handschellen“.

Ich habe eine Verabredung mit der Leiterin der JVA Glasmoor in Norderstedt, ein Stück nördlich vom Hamburger Flughafen. Angela Biermann arbeitet seit 30 Jahren im Strafvollzug. Bevor sie 2009 in Glasmoor das Ruder übernahm, führte die studierte Psychologin schon eins der Häuser im Hamburger Stadtteil Fuhlsbüttel. Hier in Glasmoor, im offenen Vollzug der Stadt Hamburg, entstehen seit zehn Jahren die Produkte der Knastmarke Santa Fu mit dem einschlägigen Logo aus fünf Strichen. Jeder Artikel ausgedacht von besonders ideenreichen Inhaftierten, der sogenannten „kreativen Zelle“.

Zäune gibt es hier nur für die Wildschweine

Das Gefängnisareal wirkt nahezu idyllisch. Umgeben von Naturschutzgebiet stehen auf einer Fläche von etwa 25 Hektar mehrere historische Bauten verteilt. Alte Stallungen und eine Scheune mit Spitzgiebel beherbergen heute verschiedene Fertigungsbetriebe oder dienen als Lagerfläche. Kernstück der JVA aber ist das flache Backstein-Karree mit dem denkmalgeschützten Aussichtsturm. Seit 1928 werden Gefangene hier Schritt für Schritt auf ihre Zukunft in Freiheit vorbereitet – ganz ohne Stacheldraht und Gitter vor den Fenstern.

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„Der einzige eingezäunte Bereich auf dem Gelände“, sagt Angela Biermann, „ist der Sportplatz. Aber nur wegen der Wildschweine.“ Die Gefängnisleitung trägt Bürokleidung, bewaffnet ist sie nicht. „Natürlich gab es im Lauf der Jahre mal die eine oder andere kritische Situation, aber hier geht es weitgehend gewaltfrei zu.“ Man spüre, dass die 190 Männer und 19 Frauen im offenen Vollzug wirklich auf der Suche sind nach dem richtigen Weg. Deshalb bestehe trotz unverschlossener Türen auch keine Fluchtgefahr.

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In der Werkstatt von „Santa Fu“ entstehen viele Produkte in Handarbeit.

Eine der Hauptaufgaben der Resozialisierung ist es, die Weichen für den Neu- oder Wiedereinstieg in den Job zu stellen. Etwa die Hälfte der Inhaftierten geht mittlerweile „draußen“ einem normalen Beruf oder einer Ausbildung nach und kommt nur noch über Nacht. Für alle anderen gibt es Arbeitsmöglichkeiten in der JVA. Auch deshalb ist die Warteliste für Glasmoor so lang, dass in den kommenden Jahren durch Um- und Neubauten noch einmal aufgestockt wird – auf insgesamt 250 Haftplätze.

„Heiße Ware“ unter dem Weihnachtsbaum

Auf dem Weg in die Santa Fu-Werkstatt durchqueren wir eine Produktionshalle, in der mehrere Männer abgepackte Garnrollen in Kisten verstauen, Paletten stapeln und dabei Klönschnack halten. Typische Lager-Atmosphäre. Betriebsleiter Uwe Bühring erwartet uns bereits am Ende des Baus. Als Mitarbeiter des Strafvollzugs überwacht und betreut er die Santa Fu-Produktion und legt dabei auch selbst mal Hand an. Gerade steht er zwischen einer Werkbank mit farbverschmierten Stempeln und einem Wäscheständer, an dem olivgrüne T-Shirts zum Trocknen baumeln.

Auf der Brust stehen Botschaften wie „Made in Prison“, „Freigänger“ oder „Schuldig“. Von rechts rattert die Nähmaschine. Ein Gefangener verschließt mit ruhiger Hand die durchsichtigen Kunststofftaschen, in denen je ein Spielblock „Knast-Land-Fluss“ steckt. Vier weitere Arbeitsplätze sind je nach Auslastung besetzt. „Im Dezember ist viel los“, sagt Herr Bühring – die „heiße Ware“ ist auch als Weihnachtsgeschenk beliebt.

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Schick - auch wenn man grad nicht auf der Flucht ist: Beute-Beutel.

Mit dem „Huhn in Handschellen“ fing alles an – ein Kochbuch mit einfachen Gerichten, witzigen Titeln und schönen Illustrationen. Haben die Gefangenen das alles selbst geschrieben und gezeichnet? Angela Biermann bejaht. „Das Buch zählt bis heute zu den beliebtesten Artikeln.“ So beispielsweise auch das Gedächtnisspiel mit den Fotos echter Knast-Tattoos, das originalgetreue JVA-Rasier-Kit mit dem Namen „Bleib sauber!“ oder die Stofftaschen aus nachhaltig produzierter Baumwolle, auf die Gefangene in absichtlich windschiefen Buchstaben das Wort „Beute“ gestempelt haben. Über die Jahre kam immer mehr dazu. Mehr Produkte, mehr selbstironische Verweise, mehr liebevolle Details.

„Die Gefangenen sind stolz auf ihre Produkte“, sagt Angela Biermann. „Außerdem sehen sie die Arbeit daran auch ein bisschen als Wiedergutmachung.“ Ich erfahre, dass ein Teil der Verkaufseinnahmen der deutschlandweit aktiven Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ zugutekommt. Ob die Gefängnisleiterin selbst auch ein Stück Santa Fu besitze, frage ich sie, als wir die Halle wieder verlassen. „Oh ja“, antwortet sie, „ich führe seit Jahren das Tage- und Nächte-Buch.“ Das Büchlein ist mit dem Stoff der ursprünglichen Gefängnismatratzen bezogen. Auf der Titelseite steht ein kleiner, hoffnungsvoller Satz: Die Gedanken sind frei.

Infos und Bestellungen (auch aus dem Ausland) per Mail an
santa-fu-produkte@justiz.hamburg.de.

Alle Produkte und Verkaufsstellen
www.santa-fu.de

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